Beschreibung
Meret Oppenheim (1913–1985) zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des europäischen Surrealismus und ist eine der wenigen Künstlerinnen, die innerhalb der Bewegung vollständig anerkannt wurden. In Berlin geboren und in der Schweiz aufgewachsen, studiert sie in Basel und später in Paris, wo sie in den 1930er-Jahren in Kontakt mit zentralen Figuren wie Alberto Giacometti, Max Ernst, Marcel Duchamp und Man Ray kommt und zu einem aktiven Teil des surrealistischen Kreises wird. Ihr bekanntestes Werk, Déjeuner en fourrure (1936), eine mit Pelz überzogene Teetasse, verkörpert ihre künstlerische Vision perfekt: die poetische und zugleich irritierende Verwandlung alltäglicher Objekte.
Neben Malerei und Skulptur entwickelt Oppenheim ein wachsendes Interesse am Objekt und am Design und antizipiert damit einen Dialog zwischen Kunst und Funktion, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zentral werden sollte. In diesem Kontext entsteht der Traccia-Tisch, ursprünglich 1939 unter dem Namen Bird Leg Table entworfen. Das Werk stellt eine perfekte Synthese surrealistischer Sprache im Möbeldesign dar: ein Tisch, dessen Beine durch filigrane, krallenartige Vogelbeine aus Bronze ersetzt werden, während die elliptische Tischplatte aus Blattgold Spuren und Abdrücke zeigt, die an tierische Zeichen erinnern. Das Ergebnis ist ein Objekt zwischen Funktion und Imagination, näher an der Skulptur als an traditionellem Möbel.
Das Projekt bleibt lange ein künstlerisches Konzept, bis es in den 1970er-Jahren von Dino Gavina wiederentdeckt wird, einer Schlüsselfigur des italienischen Designs und Verfechter der Idee des „funktionalen Kunstwerks“. Über seine Firma Simon International wird der Tisch in die Kollektion „Ultramobile“ aufgenommen und vom ursprünglichen Entwurf in ein limitiertes Designobjekt überführt. Dieser Schritt markiert einen entscheidenden Wandel: vom einzigartigen surrealistischen Kunstwerk zum sammelbaren Designstück, wobei die konzeptionelle Stärke des Originals erhalten bleibt.
Später wird das Projekt von Cassina neu aufgelegt, wodurch seine Präsenz in der internationalen Designszene weiter gefestigt wird. Heute gilt der Traccia-Tisch als Ikone, da er Oppenheims Vision vollständig verkörpert: die Auflösung der Grenzen zwischen Kunst und Design, die Verwandlung alltäglicher Objekte in poetische Sprache und die zentrale Rolle der Imagination als Gestaltungsprinzip.
Mehr als ein Möbelstück ist Traccia ein konzeptuelles Objekt, das sich zwischen Surrealismus, Autorendesign und zeitgenössischem Sammeln bewegt und zu einem der prägnantesten Beispiele für den Dialog zwischen Kunst und Funktion im 20. Jahrhundert wird.














